Geschichten, die Mut machen

Opas Maiglöckchenwald

Opa Klaus weiß immer etwas zu erzählen. Am liebsten mag er seine „Von-früher-Erinnerungen“. Und seine kleinen Enkel Marie und Tobias hören auch am liebsten diese ‚Als-ich-ein-kleiner-Junge-war‘-Geschichten.
Heute sind die drei im Wald unterwegs. Hier hat Opa Klaus schon mit seinen Freunden gespielt, als er so alt wie Tobias und Marie gewesen ist. Und jetzt will er den beiden sein ‚geheimes Maiglöckchen-Wäldchen‘, das kaum jemand kennt, zeigen.
„Körbe voller Maiglöckchen haben wir hier gepflückt“, erzählt er. „Die haben wir zu kleinen Sträußchen gebunden und am Straßenrand an Autofahrer verkauft.“ Er reibt sich vergnügt die Hände. „Ein nettes Taschengeld haben wir uns damit verdient. Das könnt ihr mir glauben.“
„Maiglöckchen dürfen nicht gepflückt werden, sagt unsere Lehrerin. Das ist verboten“, erklärt Tobias Opa. „Sie stehen nämlich unter Naturschutz.“
„Außerdem sind sie giftig“, fügt Marie hinzu.
Opa Klaus seufzt. „Verboten! Alles, was Spaß macht, ist heute verboten oder gilt als zu gefährlich.“
„Giftige Maiglöckchen sind aber auch wirklich gefährlich“, sagt Marie.
Opa Klaus seufzt noch tiefer. „Du sollst sie ja auch nicht essen!“, sagt er. „Anschauen sollst du sie und beschnuppern. Es sind nämlich hübsche Blumen mit einem betörend süßen Duft.“
„Was heißt ‚betörend‘?“, will Marie wissen.
Tobias grinst. „Betörend ist so ähnlich wie verzaubert. Wer also den Maiglöckchenduft riecht, vergisst das Nachdenken und tut törichte Dinge.“
Opa grinst auch. „Und nun rate, warum dieses Blümchen gerade im Monat Mai, dem Monat der Liebe, so beliebt ist!“
„Weil es Maiglöckchen heißt und weil es nur im Mai blüht“, weiß Marie, und Tobias fügt wissend hinzu:
„Und weil die Männer hoffen, ihre Freundinnen mit dem Maiglöckchenduft zu verzaubern und einzufangen.“
„Einfangen?“, wundert sich Marie.
„Na ja, erobern halt“, sagt Opa Klaus und lacht.
„Toll. Und deshalb haben euch die Autofahrer damals so viele Blumensträuße abgekauft“, sagt Tobias. „Ganz schön schlau von euch.“
„Schade“, meint Marie, „dass man sie nicht mehr pflücken darf. Sonst könnten wir auch Sträuße pflücken und ein Taschengeld verdienen.“
„Ja, schade“, meint Opa. Klaus, doch so ganz ist er auf einmal nicht mehr bei der Sache. Etwas Unverständliches vor sich hin murmelnd blickt er suchend auf den Waldboden. „Komisch“ murmelt er. „Ich kann unseren geheimen ‚Maiglöckchenwald‘ nicht mehr finden. Er war hier. Ich bin mir sicher. Es gibt hier keine Maiglöckchen mehr.“
„Weil ihr die damals alle weggepflückt habt“, überlegt Marie.
Tobias aber nickt bestätigend: „Und nun weißt du, warum Maiglöckchen heute unter Naturschutz stehen, Opa“, sagt er.
Opa Klaus wendet sich ab und murmelt etwas, was er lieber nicht laut sagen möchte. Eine weitere „Von-früher-Geschichte“ erzählt er heute lieber nicht mehr.

© Elke Bräunling

 

 

 

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